Zu Fuß quer über die Alpen von München nach Venedig

Ludwig Graßler schrieb 1977 ein Buch (Zu Fuß über die Alpen. Süddeutscher Verlag) über den sogenannten „Traumpfad“ – ein Weitwanderweg über die Alpen, der aus 28 Tagesetappen besteht. Von München über das Karwendelgebirge, die Zentralalpen und die Dolomiten nach Venedig. Von Hütte zu Hütte. Rund 600 Kilometer, circa 20.000 Höhenmeter. Seitdem folgen jährlich begeisterter Bergfreunde seinem Vorbild und versuchen die Alpen zu bezwingen. Auch ich gehöre nun zu den stolzen Traumpfad-Finishern! Gemeinsam mit meinem Bruder und Freunden habe ich im Sommer das Abenteuer Traumpfad in Angriff genommen - und wir haben es tatsächlich in einem guten Monat zu Fuß über die Alpen geschafft. Der absolute Wahnsinn!

Wir haben Steinböcke, Gemsen, Murmeltiere, Bergdohlen und jede Menge Kühe gesehen. Sind zwei Mal in ein Gewitter geraten. Haben Schneefelder überquert, in schwindelerregend tiefe Abgründe geschaut und die Via ferrata Marmol in der Schiara bezwungen. Ein waschechtes Abenteuer eben. Das war die verrückteste Reise, die ich je gemacht habe – aber auch irgendwie die genialste. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese großartige Erfahrung machen durfte und tolle Menschen zum Teilen dabei hatte. Draußen in der Natur zu sein, ist einfach ein Traum. Die Bergwelt ist faszinierend, aber auch lehrreich. Es gab eine gratis Lektion zum Thema Belastbarkeit des Körpers. Wirklich erstaunlich, was dieser Teufelsbraten im Stande ist zu leisten.

 

 

Auf DBmobil.de durfte ich über diese unglaubliche Erfahrung berichten. Text folgt im Anschluss.

 

Mein Bruder hat ebenfalls eine Website, auf der es noch mehr Infos, Bilder und Videos gibt: www.gipfelfreizeit.de

 



Als Kind von der Nordsee und Wahl-Hamburgerin fühle ich mich natürlich sehr dem Wasser verbunden. Das dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, weshalb die feierliche Verkündung meiner Urlaubspläne – eine Alpenüberquerung - im Vorfeld für etwas verdutzte Gesichter sorgte. „Wie Hannibal? Diese humoristische Form der Nachfrage erwies sich als ziemlich beliebt bei Freunden und Bekannten. „Nein, nicht wie Hannibal. Schließlich rückt Hagenbecks Tierpark seine Elefanten nicht einfach so raus.

 

Der Plan lautete: zu Fuß über die Alpen wie Ludwig Graßler. Der passionierte Bergwanderer veröffentlichte bereits 1977 ein Buch, in dem er ausführlich beschreibt, über welche Pfade sich dieses Vorhaben bewerkstelligen lässt. Diese Route wurde über die Jahre hinweg optimiert. Neue Wege wurden erschlossen und Umgehungen von schwierigen Passagen festgelegt. Das Ganze ist dennoch kein gemütlicher Wanderausflug, sondern anspruchsvolles Bergsteigen. In 28 Etappen arbeitet man sich von Unterkunft zu Unterkunft über das Karwendelgebirge, die Zentralalpen und die Dolomiten bis nach Venedig durch. 600 Kilometer, 20.000 Höhenmeter.

 

 

Die Idee, dieses ambitionierte Vorhaben umzusetzen, hatte mein Bruder, der ein Jahr zuvor bei einer Wandertour mit Freunden rund um Gröden auf einen Teilabschnitt des Traumpfads stieß. Anfangs war es nur eine fixe Idee, die sich mit der Zeit zu einem handfesten Plan mauserte. Mitwanderer akquirieren, Hütten anschreiben, Outdoor-Klamotten kaufen, Probewanderungen absolvieren: Knapp ein halbes Jahr ging für die Vorbereitungen drauf. Und dann wurde es plötzlich ernst. Ende Juni standen mein Bruder und ich mit einem Freund auf dem Marienplatz in München. An diesem Morgen machte sich noch leichte Unsicherheit breit. „Entweder ist das die blödeste Idee, die wir jemals hatten, oder die genialste! Letzteres sollte der Fall sein.

 

An der Olperer Hütte vervollständigte sich unserer Team zum Quartett. Wohnhaft der Crew: Berlin, Hamburg und München – Großstadtkinder mitten in der Natur. Für uns war es purer Luxus einen Monat an der frischen Luft zu verbringen. Wann macht man das im normalen Arbeitsalltag schon noch? Höchstens mal am Wochenende, wenn überhaupt. Jedenfalls definitiv viel zu selten. Auf dem Weg von München nach Venedig konnten wir unser Raus-in-die-Natur-Konto wieder auffüllen.

 

Je mehr Höhenmeter wir hinter uns lassen, umso friedlicher wird es um uns herum. Weit weg von all dem Großstadttrubel und der Hektik hat man plötzlich wieder Zeit, um beispielsweise beim Abendbrot in Seelenruhe von der Terrasse der Hütte auf eine Felswand zu starren und Steinböcke ausfindig zu machen. Faszinierend wie spielend leicht die Tiere die steilen Wände bezwingen. Nicht nur die Höhenluft verschlägt einem dort oben den Atem, sondern auch der Ausblick. Bergkämme so weit das Auge reicht. Grüne Wiesen und Wälder werden von bizarren Steinwelten abgelöst. Steile Abhänge und Schluchten mahnen zur Vorsicht. Funkelnde Bergseen ruhen in Tälern. Bäche suchen sich ihren Weg über Wasserfälle ins Tal. Sogar Edelweiß sieht man auf dieser Tour mehrfach. Dazu Kuhglockengebimmel und Murmeltierpfeifen als musikalische Untermalung. Bergidylle pur. Am liebsten würde man den Blick gar nicht mehr davon lösen.

 

 

Der Preis für diese Schönheit: jede Menge Schweiß und glühende Fußsohlen. Trotz vermeintlich über Jahre beim Sport gesammelter Fitness, geht das tägliche Wandern mit schwerem Gepäck an die Substanz. Füße, Waden, Kniekehlen, Achillessehne oder Schultern – irgendein Körperteil tat in den ersten Wochen immer weh. Zum Glück hatten wir in weiser Voraussicht fünf Ruhetage eingeplant. Die waren allerdings auch bitter nötig. Ein Großteil der Etappen ist recht knackig. Sechs, sieben Stunden bis zur nächsten Hütte waren keine Seltenheit. Bequeme Wanderwege? Fehlanzeige. Schmale Pfade und steile Stiege? Massenweise. Manchmal sogar bloß staubige Schotterpisten oder karge Geröllfelder. Absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind Grundvoraussetzungen, die man nicht unterschätzen sollte. Dank guter Beschilderung, GPS-Gerät, Kartenmaterial und Smartphone sind wir glücklicherweise nie vom Weg abgekommen. 

 

Das Ehrfurcht einflößende Bild der Dolomiten hat sich besonders in unsere Köpfe eingebrannt. Riesige Felskolosse, die plötzlich vor einem auftauchen und die es aus eigener Kraft zu überwinden gilt. Man kann sich kaum vorstellen, welche Naturgewalten frei gesetzt werden mussten, um diese Giganten Richtung Himmel zu schieben. Der Piz Boè ist eines dieser Wunderwerke. Auf  3.152 Metern befindet sich die Schutzhütte Rifugio Capanna Fassa. Der höchste Punkt unserer Tour. Bei klarer Sicht ist der Blick über die Bergkämme überwältigend. Die umliegenden, weiter unten gelegenen Hütten wirken wie kleine Spielzeughäuschen.

 Von der Terrasse aus ist uns ein erster großartiger Blick auf die „Königin der Dolomiten, die Marmolada (3.343m), vergönnt, der wir uns am nächsten Tag noch weiter nähern sollten. Aber auch der Blick zurück erfüllt uns mit Stolz. Karwendelgebirge und Zentralalpen: Wahnsinn, was wir bis zu diesem Punkt schon alles überwunden haben. Als Belohnung gab es den berühmt-berüchtigten Gipfel-Schnaps.

  

Zu einem richtigen Abenteuer gehört natürlich auch der Nervenkitzel. Der Traumpfad hat in dieser Kategorie einiges zu bieten. Die klassischen Situationen, wie auf einem schmalen Pfad zu gehen und dabei links neben sich 600 Meter in die Tiefe zu gucken, gab es auch, aber zu den Adrenalin-Highlights gehörten vor allem die Friesenbergscharte und die Schiara. Bei beiden Abschnitten musste ein Klettersteig absolviert werden – einmal mit, einmal ohne Sicherung. Die Friesenbergscharte ließ sogar die Knie der männlichen Tourmitglieder weich werden. Nach einem kräftezehrenden Aufstieg, standen wir an dem schmalen Übergang zum Seil versicherten, steilen Abstieg. Wirklich viel Platz ist dort oben nicht. Und wo ist eigentlich der Weg nach unten? Ein mutiger Blick an den Fußspitzen vorbei Richtung Tal half bei der Aufklärung.  Die „Was wäre, wenn-Frage sollte man sich in solchen Momenten nicht stellen. Die Passage ist zum Glück nicht sehr lang und einfacher als sie anfangs aussah. Schiss hatten wir trotzdem alle.

 

Die Friesenbergscharte war rückblickend bloß ein kleines Stelldichein von dem, was knapp zwei Wochen später folgte: die Via Ferrata Marmol. Der luftige Klettersteig über die Schiara ist anspruchsvoll und vor allem lang. Bei bestem Wetter arbeiteten wir uns mit Klettersteigsets ausgerüstet in fünf Stunden abwärts zur Schutzhütte Rifugio 7° Alpini. Der Steig führt über Leitern, Eisenklammern und –stifte. Also alles, was das Klettersteigherz begehrt. Beim Einstieg gibt es eine Biwakschachtel, ansonsten nur Fels und Schotter. Einige Passagen kosten Überwindung, andere Kreativität. Da man sich meist in einer Rückwärtsbewegung befindet, sieht man nicht immer sofort, wo der nächste Vorsprung ist, auf dem der linke oder rechte Fuß Halt findet. Psychologisch ist die Sicherung über die Drahtseile dabei verdammt wertvoll. Gerade, wenn man unter sich eigentlich nur Abgrund hat. Und auch hier wiederholt sich das erstaunliche Phänomen: Wenn man unten vom Klettersteig wieder ausgespuckt wird, ist man einfach nur glücklich und stolz. Die Glückshormone tanzen, die Anspannung fällt ab. Man grinst den Rest des Tages einfach nur noch selig in der Gegend herum.

 

 

Ich werde oft gefragt, ob wir während der Tour jemals an dem Punkt waren, das Ganze abzubrechen. Die Antwort lautet ganz klar: nein. Natürlich gab es Tage, an denen die Füße höllisch schmerzten, die Schultern brannten oder die Wadenmuskulatur rumzickte. Leidensfähigkeit und Willensstärke sind dann gefragt. Der mentale Endgegner war unangefochten eine 40-Kilometer-Flachetappe in Italien bei über 30 Grad Celsius. Die Sonne knallt, man kann gar nicht so viel trinken wie man schwitzt und ab Kilometer 30 hat man das Gefühl, mit beiden Füßen in Reißzwecken getreten zu sein. In einer Art meditativem Zustand schlurft man über den Asphalt und betet sich ein heroisches „Du schaffst das! vor. Anders formuliert: Es ist die Hölle auf Erden. Aber aufgeben? Denn am Ende des Tages sind es genau diese Erfahrungen, die das Abenteuer Traumpfad zu einem unvergesslichen Erlebnis machen. Die Natur ist toll, keine Frage. Aber die eigene Leistung eben auch. 600 Kilometer zu Fuß quer über die Alpen – da darf man ruhig stolz auf sich sein. Und das sind wir auch.  

 

 

 

Unsere Strecke in Etappen: München – Wolfratshausen – Bad Tölz – Tutzinger Hütte – Vorderriß – Scharnitz – Hallerangerhaus – Wattens – Lizumerhütte – Tuxerjochhaus – Olpererhütte – Stein – Pfunders – Kreuzwiesenhütte – Schlüterhütte – Grödner Joch – Rifugio Capanna Fassa – Fedaiasee – Alleghe – Tissihütte – Passo Duran – Rifugio Pian de Fontana – Rifugio 7. Alpini – Belluno – Revine – Ponte Priúla – San Bartolomeo – Jesolo – Venedig